Ökologisches Konzept zur Streuobstwiese Lindenhaus

Die BUND-Ortsgruppe Lemgo hat im Laufe der Jahre bei der von ihr betreuten rund 2,5 ha umfassenden Streuobstwiese am Lindenhaus in Lemgo ein Konzept entwickelt, bei dem ohne Einsatz von Chemie ein höchstmöglicher Ertrag guten und gesunden Obstes erzielt wird.

Das hier vorgestellte Konzept kann als Vorbild für die Neuanlage von Streuobstwiesen oder die Übernahme der Betreuung dienen. Die Neuanlage von Streuobstwiesen im Rahmen sogenannter Ausgleichsmaßnahmen macht nur Sinn, wenn eine dauerhafte Betreuung durch eine Umweltgruppe oder durch Bürger- bzw. Gartenbauvereine gewährleistet ist.

Gesunder Boden - gesunde Bäume

Eine kontinuierliche Nährstoffzufuhr trägt zur Gesunderhaltung der Bäume und des Obstes bei. Sie fördert und erhält eine hohe Widerstandskraft gegen Schädlinge. Allerdings wird auf den Einsatz chemischer Düngemittel gänzlich verzichtet.

Auch auf eine kontinuierliche Zuführung von organischem Dünger wie Kompost wird verzichtet. Diese erfolgt nur bei der Neuanpflanzung von Obstbäumen inkl. einer Abdeckung mit einer Mulchschicht. Bei zu mageren Böden sollte man jedoch in den ersten Jahren für eine Düngung mit Kompost sorgen.

Nach dem Konzept von Heinz Erven in Remagen sorgen wir für eine ständige Bodenbedeckung mit einer Gras- und Kräutervielfalt in der Streuobstwiese. Absterbende Pflanzen werden von Mikroorganismen und Regenwürmern zu Dünger verarbeitet. Auf einem qm Dauerwiese erzeugen Regenwürmer im Jahr rund 4.000 g bis 8.000 g Humus. Die Bodenbedeckung verhindert zudem eine schnelle Austrocknung des Bodens und das damit verbundene Absterben von Feinwurzeln. Auch ist die Zahl der Mikroorganismen und Regenwürmer im feuchten Boden wesentlich höher als im trockenen Boden. Verzichtet haben wir allerdings auf die von Heinz Erven mit Erfolg praktizierte direkte Unterpflanzung der Obstbäume mit Brennnesseln in Kombination mit zweimaliger Mahd. Wegen des damit verbundenen Arbeitsaufwandes ist dies zurzeit nicht leistbar.

Durch die Beweidung mit Schafen gibt es eine Düngung über den Schafkot. Dies erfordert im Gegenzug dann allerdings einen Schutz aller Jungbäume vor Verbiss, wobei der innere Stammschutz mit einer Drahthose nicht nur bei Weidevieh notwendig ist (Verbiss durch Rehwild, Hasen, Kaninchen und sonstige Nager).

Leider gibt es noch keine Untersuchung, welche Kräuter für die Gesunderhaltung des Bodens und die Düngerzufuhr in Obstkulturen besonders geeignet sind.

Schädlingsbekämpfung durch Ökologisches Gleichgewicht und Förderung der Nützlinge

Auf den Einsatz von Chemie zur Bekämpfung von Schädlingen jedweder Art wird verzichtet. Dies erfordert eine konsequente Förderung von Nützlingen.

Zu den Nützlingen im Obstbau zählen die Vögel inkl. der Eulen, die Fledermäuse, Mauswiesel, Igel, Marienkäfer, Florfliegen, Hornissen, Wespen, Ohrenkneifer, Raubkäfer, Laufkäfer, Schwebfliegen, Schlupfwespen usw. usw.

Zur Förderung der Ansiedlung von Vögeln wurden bisher rund 50 Nistkästen für verschiedene Vogelarten angebracht, die zu mehr als 80 % belegt sind. Hinzu kommt eine Vielzahl von Naturhöhlen in den alten Obstbäumen. Die Zahl der Nistkästen soll kontinuierlich erhöht werden, um einmal zu prüfen, wie groß die Anzahl bei idealem Lebensraum sein darf.

Neben den Nistkästen bietet die umgebende Hecke mit einer Vielzahl von heimischen, standortgerechten Vogelschutz- und Vogelnährgehölzen weitere Nistmöglichkeiten für Vögel. Die Vogelnährgehölze sind wiederum notwendig, damit die Vögel im Herbst und Winter eine gute Nahrungsquelle haben. Auch bei diesem Beispiel zeigt sich, dass eine ganzheitliche Betrachtung notwendig ist.

Zur Förderung der Nützlinge wurden Steinhaufen und Totholzhaufen angelegt. Igel und Mauswiesel finden hier Unterschlupf. Wir konnten beobachten, dass das Mauswiesel sich gerne am Rand der Totholzhaufen bewegt. Die Totholzhaufen haben für uns zudem den Vorteil, dass wir den Baumschnitt nicht entsorgen müssen.

Zum Schutz vor Wühlmäusen werden die Wurzelballen in einen Korb mit unverzinktem Draht gesetzt. Die Schafbeweidung mit dem ständigen Getrappel vergrämt die Wühlmäuse zusätzlich. Den Rest besorgen die Mauswiesel.

Das Ergebnis des Konzepts zeigt, dass rund 70 % bis 80 % der Äpfel frei von Schädlingen sind. Wühlmausschäden sind nicht feststellbar. Einzig und allein der Birnengitterrost ist ein Problem. Durch die Anpflanzung von exotischem Zierwacholder in den benachbarten Gärten überwintert der Pilz und sorgt regelmäßig für den kompletten Ernteausfall. Hier wollen wir auf resistente Sorten umsteigen, weil die Unvernunft und Unkenntnis vieler Grundstückseigentümer und Gartenbaumärkte nur schlecht zu beeinflussen ist.

Die Heckeneinfassung und ihre Bedeutung

Fast die gesamte Streuobstwiese wird durch eine Mischhecke umgeben. Hecken tragen dazu bei, dass der Wind gebrochen wird. Im Sommer wird ein schnelles Austrocknen des Bodens vermieden und im Winter wird der Frostschutz verbessert. Das insgesamt ausgeglichenere Kleinklima trägt zu einem verbesserten Wachstum von Bäumen und Früchten bei. In einer Veröffentlichung der Sächsischen Landesanstalt für Landwirtschaft wird darauf hingewiesen, dass durch Heckenpflanzungen Ertragssteigerungen bei Obst und Gemüse von 10 % bis 50 % erreicht wurden.

In die Mischhecke aus heimischen Gehölzen wurden viele Wildfrüchte integriert. Diese können z.B. für die Herstellung von Gelees, Marmeladen und Saft genutzt werden. Für die Tiere sind sie im Winter eine wertvolle Nahrungsergänzung. Frühblühende Sorten locken zudem die Wildbienen an, die dann zur späteren Obstblüte für die Befruchtung sorgen.

Um Arbeit und Kosten bei der Beseitigung von Baumschnitt zu sparen, wurde in bestimmten Bereichen der Obstwiese eine Benjeshecke angelegt. Benjeshecken oder Totholzhecken sind lockere Ablagerungen von Ästen und Zweigen. Hermann Benjes beschrieb dieses Vorgehen Ende der 1980er Jahre. Benjeshecken bieten Vögeln und anderen Tieren Schutz und Nahrung, so dass diese mit ihrem Kot oder ihren Nahrungsdepots das Aussamen von Gehölzen beschleunigen sollen. Das Prinzip der Benjeshecke besteht darin, Hecken nicht durch Neuanpflanzung, sondern durch Windanflug und durch Samen aus dem Kot rastender Vögel bzw. Nahrungsdepots von Tieren aufbauen zu lassen. Typisches Beispiel ist das Versteck von Haselnüssen durch Eichhörnchen. In unserer Benjeshecke fühlt sich auch das Mauswiesel sehr wohl.

 

Die Befruchtung der Obstsorten

Die meisten Obstsorten sind auf eine Fremdbestäubung angewiesen. Nur wenige Sorten sind zudem Selbstbefruchter. Apfelsorten wie Alantapfel, Biesterfelder Renette, Bohnapfel, Goldrenette von Blenheim, Schöner von Boskoop, Geflammter Kardinal, Harberts Renette und Jakob Lebel sind triploide Sorten und somit als Pollenspender ungeeignet. Bei der Wahl der Obstsorten müssen die Befruchtungsfragen mit berücksichtigt werden. Als besonders gute Befruchter gelten u.a. Ananasrenette, Apfel aus Croncels, Baumanns Renette, Charlamosky, Cox’ Orangenrenette, Geheimrat Dr. Oldenburg, Gelber Bellefleur, Goldparmäne, Landsberger Renette, Ontario, Roter Trierer Weinapfel und Weißer Klarapfel. Je größer die Sortenvielfalt in einer Streuobstwiese ist, desto besser ist auch die Befruchtung. Mit mehr als 52 Apfelsorten in der Streuobstwiese Lindenhaus, und diese auch noch entsprechend verteilt, gibt es keine Probleme.

Wichtiger Aspekt bei der Befruchtung ist ein großer Bienenstand eines Imkers und BUND-Mitglieds und die Förderung der Wildbienen inkl. der Hummeln in der Streuobstwiese. Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass sich Hummeln und Honigbienen bei der Bestäubung ergänzen. Bei kühlem Wetter sind die Hummeln die alleinigen Blütenbesucher. Während Honigbienen erst ab Temperaturen von 12o aktiv werden, fliegen Hummeln bereits ab 7o. Wird es wärmer, kommen die Honigbienen zum Zuge und die Hummeln weichen auf die kühleren Morgen- und Abendstunden aus. Die Bestäubungsaktivität (Blütenbesuche pro Tag) der Hummeln ist zwei- bis dreimal so groß wie die der Honigbienen. Auch fliegen Hummeln bis zu 18 Stunden am Tag, während Bienen bis zu 14 Stunden unterwegs sind. Da viele Obstbäume auf eine Bestäubung durch andere Sorten angewiesen sind, ergibt sich ein weiterer Vorteil der Hummeln. Im Unterschied zu Honigbienen sind sie nicht so sortenbeständig und wechseln stetig von Baum zu Baum. Nachteilig ist, dass Hummelvölker nicht groß genug sind. Auch legen sie keine großen Wege zurück.

Damit sich die Hummelvölker in der Streuobstwiese ansiedeln und schnell wachsen, wurden gezielt Kräuter, Sträucher und Bäume angepflanzt, die als Frühtracht vor der Obstblüte von den Hummeln genutzt werden können. Besonders wertvoll sind hier u.a. der Schwarzdorn (Schlehe), die Kirschpflaumen und frühblühende Taubnesseln. So können die Hummelvölker schnell heranwachsen und zur Obstblütezeit maßgeblich zur Befruchtung beitragen. Wichtig ist dabei, dass man auch für eine Nachtracht sorgt, denn nach der Obstblüte werden die Hummelköniginnen der nächsten Generation herangezogen. Zu diesem Zeitpunkt erfolgt in vielen Streuobstwiesen die erste Mahd, was oftmals zur Folge hat, dass die Hummelvölker wegen Nahrungsmangel absterben. Hier haben die Hecke mit den Brombeeren und gezielt gepflanzte Beinwellpflanzen eine wichtige Ausgleichsfunktion. Die Ortsgruppe hat zum Thema ein eigenes Info mit dem Titel „Futter- und Trachtpflanzen für Hummeln in Gärten und Streuobstwiesen“ erstellt, dass gegen geringe Kosten (siehe Schriftenverzeichnis) angefordert werden kann.

Das Konzept hat sich bewährt. In schlechten Obstjahren haben wir gute Erträge und in guten Obstjahren müssen wir 20 % bis 50 % der Früchte herausnehmen, damit die Äste nicht abbrechen und die Früchte sich gut entwickeln.

Die Pflege des Baumbestandes und der Wiese

Auch Obstbäume in einer Streuobstwiese brauchen Pflege, wenn der Obstertrag und die Qualität der geernteten Früchte im Laufe der Jahre nicht zurückgehen sollen. Insbesondere bei den neu gepflanzten Bäumen ist in den ersten Jahren der Baumschnitt erforderlich, damit sich die Baumkrone optimal entwickelt. Bei älteren Bäumen (ab ca. 40 Jahren) schneiden wir nur alle 3 bis 5 Jahre. Hier ist manchmal ein radikaler Rückschnitt weit ausladender Äste erforderlich, die sonst bei Sturm abbrechen würden. Beim radikalen Rückschnitt bilden sich oftmals neue Triebe, die zum Neuaufbau einer Krone genutzt werden können. Durch die Pflege verlängert sich die Lebensdauer eines Obstbaumes durchaus um 15 bis 20 Jahre, verbunden mit entsprechend hohen Erträgen der ausgewachsenen Bäume. Sollte trotz der Pflege der eine oder andere alte Obstbaum abgängig werden, wird der abgestorbene Baum nicht abgesägt, sondern für Spechte, Meisen und Insekten stehen gelassen. Als Ersatz wird zeitnah ein neuer Hochstammobstbaum mit einer alten Obstsorte gepflanzt, damit ein kontinuierlicher Baumbestand gewährleistet ist. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass die einzelnen Bäume kartiert und die Namen der verschiedenen Sorten festgehalten werden. Fällt ein Baum dann dochmals um, werden die hohlen Stämme in die Hecke eingebaut und dienen dort Mauswiesel und Kröten als Unterschlupf.

Damit die Wiese nicht verwildert, muss sie entweder regelmäßig geschnitten oder beweidet werden. In unserer Wiese haben wir ein kombiniertes Konzept entwickelt. Gemäht wird relativ spät, damit Brutvögel nicht gestört werden und sich die Wildkräuter über Samen weiter verbreiten können. Bei der Mahd wird bodenschonend mit Pferden gearbeitet. Eine Bodenverdichtung soll dadurch möglichst vermieden werden.

Zur Beweidung werden alte, vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen wie Ostfriesische Milchschafe und Bentheimer Landschafe eingesetzt. Mahd und Beweidung werden von einem Biolandbetrieb aus Lemgo übernommen.

Die Obstnutzung

Das Obst wird von den Mitgliedern der BUND-Ortsgruppe geerntet und verwertet. In den letzten Jahren wurden insbesondere alte Apfelsorten angepflanzt, bei denen die Äpfel eine lange Lagerdauer aufweisen. Dies ermöglicht den Mitgliedern eine Eigenversorgung bis in den Mai oder Juni des Folgejahres. Der riesige Vorteil des Projekts ist also die ortsnahe Versorgung mit BIO-Obst höchster Qualität. Die Transportwege sind nur kurz und auch durch die Lagerung im eigenen Keller, im Schuppen oder der Garage wird nicht nochmals Energie verschwendet. Somit ist dies ein Beispiel für aktiven Klimaschutz.

Ein Teil der Äpfel wird zu Apfelsaft verarbeitet, der von den BUND-Mitgliedern zu Vorzugspreisen erworben werden kann. Auf die Herstellung von sortenreinem Apfelsaft wird bewusst verzichtet, weil sich gezeigt hat, dass durch die Mischung verschiedenster Apfelsorten ein besonders schmackhafter Apfelsaft entsteht.

Im Laufe der letzten Jahre haben wir festgestellt, dass viele der alten Apfelsorten von Allergikern vertragen werden können. Dies ist ein weiterer wichtiger Grund zum Erhalt der alten Sorten.

Die Obstwiese als Lebens- und Erlebnisraum

Im Gegensatz zum intensiv bewirtschafteten Plantagenobstbau mit wenigen Obstsorten wurde in Streuobstwiesen schon immer auf den Einsatz von chemischen Spritzmitteln und Kunstdünger verzichtet. Die alten Streuobstwiesen mit ihrer Sortenvielfalt war en und sich auch heute noch mit den umgebenden Schutzhecken besonders prägende Landschaftsbestandteile und haben einen hohen ökologischen Wert für eine mannigfaltige Tier- und Pflanzenwelt. Von besonderer Bedeutung ist der Höhlenreichtum alter Bäume für Vogelarten wie Specht oder Meise, aber auch für Marder, Fleder¬mäuse und Hornissen. Zur Blütezeit finden Bienen, Hummeln und Schmetterlinge reichlich Nahrung.

Der Erholungswert in der Streuobstwiese sollte nicht vernachlässigt werden. Auch während der Arbeiten wird man von der Vogelwelt durch Gesang unterhalten. Ernte- und Arbeitseinsätze fördern den Gemeinschaftssinn. In der Blüte- und Erntezeit bietet sich ein herrliches Bild, aber auch im Winter kann man den Anblick der Streuobstwiese genießen. Viele Spaziergänger nutzen regelmäßig den Weg um die Streuobstwiese. Durch einen Lehrpfad, regelmäßige Exkursionen, Obstbaumschnittkurse und einen jährlichen Infostand mit alten Apfelsorten in der Fußgängerzone von Lemgo wird dazu beigetragen, der Bevölkerung das Projekt näher zu bringen.

Fazit

Die Erhaltung alter Obstsorten und eines Lebensraumes mit einer vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt sind ein wertvoller Beitrag zum Natur- und Umweltschutz. Verbunden mit der sinnvollen Nutzung des Obstes ist dies ein sinnvolles und nachahmenswertes ökologisches Projekt.