Menschen tragen eine Erdkugel

Seltene Obstsorten in Lemgo

Lemgo, den 05. April 2004

Neuplanzung am Lindenhaus

Die Lemgoer Ortsgruppe im Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) konnte nach langen Bemühungen ein besonderes Ereignis feiern. In der Streuobstwiese am Lindenhaus wurde ein Apfelbaum der Sorte Edelborsdorfer gepflanzt. Hierbei handelt es sich um eine uralte, deutsche Sorte, die schon als verschollen galt. Der Deutsche Pomologenverein hat nach langer Suche 7 Altstandorte in Deutschland gefunden. Nun kann die Sorte vor dem Aussterben bewahrt werden. Einer der ersten, neuveredelten Edelborsdorfer steht seit dem Wochenende in der BUND-Streuobstwiese.

 

 

 

 

 

 


Edelborsdorfer in der Geschichte

Über die Entstehung der Sorte ist nichts genaueres bekannt. Urkundlich taucht sie erstmals im Jahre 1175 auf. Vom Kloster Pforte in Sachsen wurden Bäume vom Abt Florentinus nach Leuben in Schlesien gebracht. Wahrscheinlich stammt der Apfel aus einem Dorfe Borsdorf bei Leipzig. Daher wohl auch die synonyme Bezeichnung ?Leipziger Renette?. In Österreich ist er als ?Wiener Marschanzker? bekannt. Auf der ersten Versammlung deutscher Pomologen zu Naumburg im Jahre 1853 wurde er unter die 10 zur allgemeinen Anpflanzung empfohlenen Sorten aufgenommen, später jedoch wieder gestrichen, weil der Baum zu langsam wächst, zu spät trägt und einen guten, lehmigen Boden verlangt.

Beim Schriftsteller Berthold Auerbach (1812-1882) ist der Edelborsdorfer in den Schwarzwälder Dorfgeschichten erwähnt: ?Ja, ja, wie ich unbesehen gesagt hab'», erwiderte der Waldschütz, «das ist des Pudelkopfs Tonele; man heißt ihren Vater den Pudelkopf, weil er ein Haar hat wie ein Schaf, das Tonele hat auch so weißes gerölltes Haar; man heißt's auch im ganzen Dorf das Borsdorfer Aepfele, weil es so rothe Bäckle hat.? Auch in Meyers Konversationslexikon aus dem Jahre 1888 wurde der Edelborsdorfer schon beschrieben und farbig abgebildet.

Die Eigenschaften der Frucht werden in dem um 1920 erschienenen Fachbuch ?Unsere besten deutschen Obstsorten? hoch gelobt. Dort ist zu lesen: ?Wird von vielen als eine der feinsten Sorten von unvergleichlicher Güte bezeichnet. Ist vorzügliche Tafel- und Dessertfrucht. Schon der Umstand, dass die Sorte im Jahre 1561 bei Meissen verstärkt angepflanzt worden sein soll, würde für die gleichbleibende Güte dieser Sorte sprechen.?

Dass die Sorte fast ausgestorben war, ist wohl dem Umstand zuzuschreiben, dass die lange, natürliche Lagerfähigkeit des Apfels, heute kein Motiv mehr ist, solche Sorten verstärkt anzubauen. Auch die Tatsache, dass 10 bis 12 Jahre vergehen, ehe der Baum das erste Mal Früchte trägt, macht ihn für den Erwerbsanbau wenig attraktiv.

Bei der BUND-Ortsgruppe hofft man, dass der Baum anwächst und gut gedeiht. Dann kann man in 12 Jahren vielleicht einmal testen, ob Oma Wiehler?s Apfelspeise, nach dem Rezept von Frau Schernich, ?Frau Inspecktorin in Naßbrockguth,? bei der man 12 schöne Borsdorfer in Wein und Zucker weich gedämpft hat, wirklich so hervorragend schmeckt.

Foto: Eckhard Buschmeier und Werner Rabe

Oma Wiehler?s Rezepte ? geschrieben Anfang des 20ten Jahrhunderts

?ÄPFELSPEISE (Rezept von Frau Schernich, Frau Inspecktorin in Naßbrockguth)

12 Stück schöne Borsdorfer werden nachdem das Kerngehäuse ausgestochen, in Wein und Zucker weich gedämpft. Alles Flüßige abgegoßen und erkalten laßen. Man rührt 1 liter süße Sahne, 10 Eidotter, 1 Eßlöffel Kartoffelmehl, 50 gramm Zucker und 1 abgeriebene Zitronenschale kalt ein, und läßts unter beständigen Rühren aufkochen. Wenn dies ganz abgekühlt ist gibt man die Äpfel in eine Form, belegt sie mit eingelegten Fruchten, gießt die Creme vorsichtig darüber, schlägt das Weiße zu Schnee, bedeckt das Ganze damit, bestreut es mit feinem Zucker und läßts in nicht zu heißem Ofen 10 Minuten stehen, damit der Schnee nur hellgelb wird, dann erkalten.?