Menschen tragen eine Erdkugel

Lichtverschmutzung – ein Umweltproblem

 

Lichtverschmutzung – ein Umweltproblem

von Professor Dr. Jochem Berlemann, Lemgo

- Ansprechpartner für Fragen zur Lichtverschmutzung beim BUND Lemgo - Email: jochem.berlemann@hs-owl.de

 

Ein bisher wenig beachtetes Umweltproblem ist die Aufhellung der Nacht durch übermäßige künstliche Beleuchtung. Diese Lichtverschmutzung hat negative Auswirkungen auf nachtaktive (und tagaktive ) Tiere, die Vegetation sowie die menschliche Gesundheit. Besonders stark betroffen sind nachtaktive Insekten – z.B. sind 77,8 % der Schmetterlinge nachtaktiv und bei der Bestäubung von Pflanzen beteiligt [1].

Wodurch entstehen die Probleme, wie sind die Auswirkungen und was können wir tun?

Zur Einleitung in das Thema hier auch ein Filmbeitrag, der bei arte erschienen ist

- Verlust der Nacht - Die globale Lichtverschmutzung

1. Die Ursachen

Ursachen der Lichtverschmutzung sind eine wachsende Bevölkerung, der wachsende Wohlstand, sinkende Kosten für die Beleuchtung, fehlende Gesetzgebung und Unkenntnis der Verursacher um die Probleme.

Abb. 1 Lichtverschmutzung Berlin – ein fast hoffnungsloser Fall - Foto: Jochem Berlemann

Abb. 1 zeigt am Fall unserer Bundeshauptstadt die Komplexität des Problems. Hier kann nur eine rigorose Gesetzgebung langfristig Abhilfe schaffen. Es ist kaum möglich, jeden einzelnen Verursacher anzusprechen und zu überzeugen, seine Beleuchtung zu ändern.

2. Die Folgen

Eine falsche Beleuchtung hat erhebliche Auswirkungen auf die Biodiversität.

Insektensterben: 49,4 % der Insekten sind nachtaktiv [1]. Da Insekten eine andere Farbwahrnehmung haben als Menschen, nehmen sie weißes Licht mit hohem Blauanteil als übermäßig hell wahr, rotes Licht wirkt für sie sehr dunkel. Dadurch bleiben sie bei übermäßiger Beleuchtung mit hohem Blauanteil (Tageslicht) inaktiv, vermehren sich nicht mehr, bestäuben nicht oder werden durch helle Lichtquellen „eingefangen“. Dort sterben sie vor Erschöpfung oder werden leichte Beute.

Fledermäuse: 100 % der Fledermäuse sind nachtaktiv. Bei künstlich aufgehellter Nacht verringert sich die Zeit für die Nahrungssuche. Durch das Insektensterben verringert sich das Nahrungsangebot [3]

Vögel: Zugvögel lassen sich bei ihren nächtlichen Reisen durch künstliche Beleuchtung stark irritieren. So wurde durch Beobachtungen auf dem Dach des Bonner Posttowers festgestellt, dass 90 % der Vögel durch die dort installierte Beleuchtung ihre Richtung änderten [4]. In Toronto wurden am Fuße eines beleuchteten Hochhauses jeden morgen mehrere hundert tote Vögel aufgesammelt [5]. Sesshafte Vögel leiden durch nächtliche Beleuchtung unter verkürzten Ruhezeiten.

Fische und Schildkröten: Das Schutzverhalten von Fischen sowie die sexuelle Reifung und das Laich-Verhalten werden vom Licht gesteuert und durch künstliche Beleuchtung gestört [7]. Junge Meeresschildkröten orientieren sich nach der Geburt am Mondlicht. Künstliche Beleuchtung stört ihren Orientierungssinn, so dass sie das Meer nicht mehr finden [8].

Menschliche Gesundheit: Untersuchungen haben gezeigt, dass eine künstliche Aufhellung der Nacht die Melatonin-Produktion verringert. Melatonin wirkt antioxidativ und krebshemmend. Depressionen, Übergewicht, Verdauungsstörungen und Schlafstörungen wurden bei Menschen vermehrt beobachtet, die häufig in Nachtschichten arbeiteten [9-12].

Ökonomische Folgen: Simon G. Potts et al. weisen für den Weltmarkt einen Wert der Bestäuber zur Getreideernte von 235 bis 577 Milliarden US$ jährlich aus. Der Wegfall dieser Insekten könnte die Preise für Getreide von 160 bis 191 Milliarden US$ jährlich steigen lassen [13]. Der Wert der Bestäubung durch Insekten in Europa wird hier je nach Region mit 10 bis 1500 US$ pro Hektar und Jahr angesetzt.

Intelligent eingesetzte und gemanagte Beleuchtung kann die Energiekosten senken.

Nebenbemerkung: es gehört nicht ganz zum Thema der Lichtverschmutzung, aber Beenen et al. berechnen für tagaktive Bienen 2 Milliarden Euro Wert für ihre Bestäubungsleistung alleine in Deutschland [14].

3. Maßnahmen

Technische Maßnahmen: diese sind relativ einfach zu realisieren

  1. bei Neuinstallationen auf eine geringe Farbtemperatur  von 3000 K achten (rötlich/weiße LED), bei vorhandenen Installationen lässt sich meistens der Leuchtkörper umrüsten.

  2. Die Abstrahlcharakteristik muss ausschließlich nach unten gerichtet sein.

  3. Beleuchtungsstärke und -dauer sollte bedarfsgerecht erfolgen.

Die einfache Regel lautet: Licht sollte nur an dem Ort und zu dem Zeitpunkt leuchten, wenn es gebraucht wird.

Abb. 2 Umweltfreundliche Beleuchtung in Lemgo bei Nacht - Foto Jochem Berlemann

Abb.2 zeigt ein sehr positives Beispiel einer öffentlichen Beleuchtung. Der Weg wird gezielt mit einer Farbtemperatur von 2500 K beleuchtet.

Organisatorische Maßnahmen: Lichtverursacher gehören sehr unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen an: sie sind verantwortlich für institutionelles Licht, merkantiles Licht, Licht von Infrastruktur- und Gewerbeanlagen, individuelles Licht, inszeniertes Licht, rituelles Licht und mobiles Funktionslicht [15]. Auch wenn die Motive für übermäßiges Licht in der Nacht sehr unterschiedlich sind, stecken meistens wirtschaftliche Interessen dahinter. Das macht es sehr schwer, Lichtverursacher zu überzeugen, die Beleuchtung aus Umweltgründen zu reduzieren. Meistens fehlt die Einsicht mangels Kenntnis um die Problematik.

Vorrangig ist deshalb die Aufklärung der Bevölkerung mit einer Bewusstseinsbildung unter Einbeziehung der Medien. Hilfreich sind anfangs Vorträge sowie kleine Projekte, die in der Umgebung bekannter Biotope die Lichtsituation verbessern. Hierüber können die Medien berichten.

Für positiv eingestellte Gemeinden kann man Beschlussvorlagen für die Stadt/Gemeinderäte entwerfen, dass bei Neuinstallationen umweltfreundliche Richtlinien berücksichtigt werden. Eine Beratungsstelle kann interessierte Institutionen und BürgerInnen bei der Planung und Umsetzung umweltfreundlicher Beleuchtung unterstützen.

Das Anlegen einer Datenbank über wissenschaftliche Untersuchungen hilft bei der Argumentation in Vorträgen und Diskussionen.

Eine direkte Ansprache von Verantwortlichen übermäßiger Beleuchtung ist nach mehreren negativen Erfahrungen des Autors zur Zeit ziemlich erfolglos.

Sicherheit: Das Thema Sicherheit und Licht wird sehr emotional, unsachlich und politisch diskutiert. Zu diesem Thema gibt es mehrere Untersuchungen, die zeigen, dass mehr Licht nicht unbedingt die Sicherheit erhöht. In Warwickshire (GB) wurde die öffentliche Beleuchtung reduziert: die Zahl der Einbrüche, tätliche Übergriffe und Autodiebstähle reduzierten sich sogar [16]. Sozialwissenschaftliche Studien belegen vor allem bei Frauen eine gefühlte Unsicherheit im öffentlichen Raum bei Dunkelheit. Kriminalstatistiken haben  gezeigt, dass diese Unsicherheit unbegründet ist [17]. Mit dem Begriff der Sicherheit wird sehr stark in der Werbung gearbeitet. Bei der Suche im Web nach „Sicherheit und Licht“ bekommt man unzählige Werbung von Firmen, die Lampen verkaufen wollen.

Gesetzliche Maßnahmen: Zur Zeit gibt es nur in Slowenien und einigen begrenzten Regionen (Teneriffa, Lombardei, Flagstaff, Chile....-..) eine Gesetzgebung, die umweltfreundliches Licht fordert. A. Mohar berichtet aus Slowenien über hellere Straßen, geringere Energiekosten und weniger Lichtverschmutzung nach Einführung der neuen Gesetzgebung in 2007 [18].

In der BRD gibt es das Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG) für gewerbliche Anlagen. Private Anlagen sowie die von Vereinen und Hoheitsträgern fallen nicht in den Anwendungsbereich. Eine Erweiterung des BImSchG läge in der Verantwortung der Länder. Sabine Hofmeister weist darauf hin, dass eine Regulierungsmöglichkeit durch das Baurecht und eine Bauleitplanung besteht [19]. Das Naturschutzgesetz bietet z.Z. kaum Möglichkeiten, auf die nächtliche Beleuchtung Einfluss zu nehmen – hier müssen Erheblichkeit und Nachhaltigkeit einer Beeinträchtigung nachgewiesen werden, was mangels ausreichenden naturwissenschaftlichen Untersuchungen schwierig ist.

Eine EU-Norm EN 13 201 fordert nur für Straßen eine Mindestbeleuchtungsstärke.

4 Empfehlung für Industrie und Gewerbe

Das Hessische Umweltministerium hat zum Thema "Nachhaltige Außenbeleuchtung - Informationen und Empfehlungen für Industrie und Gewerbe" eine Broschüre herausgegeben. Diese stellen wir hier als Download zur Verfügung.

Download - Nachhaltige Außenbeleuchtung

5. Zusammenfassung

Das Problem der Lichtverschmutzung erfordert Handlungsbedarf. Die Aufklärung der Bevölkerung und neue gesetzliche Bestimmungen sind die Kernpunkte, die die Situation verbessern können. Energieeinsparungen und der Erhalt der Bestäubungsleistung durch Insekten machen alle Maßnahmen auch ökonomisch sinnvoll. Alle Anstrengungen zum Erhalt der Biodiversität werden durch die Reduzierung der Lichtverschmutzung unterstützt.

6. Quellen

Das Skript 336 der Bundesanstalt für Naturschutz [2] behandelt ausführlich alle Aspekte der Lichtverschmutzung und kann nur empfohlen werden.

          [01]  Held, M., Hölker, F.: Ökologie der Zeit und künstliche Beleuchtung der Nacht, aus [2]

  1.  [02]  Held, M, et al.: Schutz der Nacht – Lichtverschmutzung, Biodiversität und Nachtlandschaft, BfN-Skripten 336, 2013, https://www.bfn.de/fileadmin/MDB/documents   /service/Skript_336.pdf

  2.  [03]  Lewanzik, D. Voigt, C.C.: Lichtverschmutzung und die Folgen für die Fledermäuse, aus [2]

  3.  [04]  Haupt, Heiko: Lichtverschmutzung und die Folgen für Zugvögel, aus [2]

  4.  [05]  Hüppop, O. et al.: Vögel und künstliches Licht, aus [6]

  5.  [06]  Posch, T. et al.: Das Ende der Nacht, Wiley-VCH, Weinheim 2013

  6.  [07]  Brüning, A., Hölker, F.: Lichtverschmutzung und die Folgen für Fische, aus [2]

           [08] Borgwardt, C. et al.: Meeresschildkröten als Opfer der Strandbeleuchtung, aus [6]

          [09] http://www.nationalgeographic.de/aktuelles/ lichtverschmutzung-folgen-fuer-die- menschen]

          [10] http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27531467

          [11] Bedrosian, T. A., Z. M. Weil & R. J. Nelson, 2012: Chronic dim light at night provokes reversible depression-like phenotype: possible role for TNF. In: Molecular  Psychiatry.  DOI: 10.1038/mp.2012.96

  1. [12]  http://www.bundsh.de/projekte/naturschutz_in_der_gemeinde/ beleuchtung/lichtverschmutzung

  2. [13]  Potts, S. G. et al.: Safeguarding Pollinators and their values to human well-being,

    www.nature.com/articles/nature20588

  3. [14]  Beenen, J. et al.: Das unheimliche Bienensterben, Süddeutsche Zeitung Nr. 86, 2018

  4. [15]  Henckel, D.: Es werde Licht ... und es wurde Licht – künstliche Beleuchtung und die Kolonisierung der Nacht, aus [2]

  5. [16]  http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2014/07/17/lichtverschmutzung-und- oeffentliche-sicherheit-erfahrungen-in-grossbritannien/

  6. [17]  Pauen-Höppner, U., Höppner, M.: Öffentliche Beleuchtung – mehr Sicherheit heißt nicht mehr Sicherheit, aus [2]

  7. [18]  Mohar, A.: Aktiver Nachtschutz in Slowenien – Verordnung zur Vermeidung von Lichtverschmutzung, aus [2]

  8. [19]  Hofmeister, S.: Vermeidung von Lichtverschmutzung – Schutz der Nacht: Handlungsmöglichkeiten der Raum- und Umweltplanung, aus [2]